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Warum wir Vorhersagen lieben

- Hamburg, Germany
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Zum Jahreswechsel füllte sich mein Feed mit Videos über die Zukunft der AI, Podcasts brachten ihre Jahresvorschau heraus, und auf den Blogs reihte sich eine Prognose an die nächste. Ich habe das alles konsumiert, obwohl ich weiß, dass die meisten dieser Vorhersagen nicht eintreffen werden, und irgendwann habe ich mich gefragt, warum ich das eigentlich tue.

Um das zu verstehen, muss man weit zurückgehen1. Wer auf der afrikanischen Savanne bemerkte, dass nach bestimmten Regenfällen immer die gefährlichen Wespen auftauchten, überlebte eher als jemand, der dieses Muster nicht erkannte2, und über Jahrmillionen hat die Evolution diesen Drang zur Mustererkennung so tief in unser Gehirn eingebaut, dass wir heute gar nicht anders können, als überall nach Zusammenhängen zu suchen. Das Problem ist nur, dass unsere innere Mustermaschine für eine Welt konstruiert wurde, in der echte Zufälle selten vorkamen, während die Welt der AI das genaue Gegenteil davon ist.

Nassim Taleb nennt das die narrative Täuschung3, und der Name ist gut gewählt, denn selbst wenn Fakten überhaupt nicht zusammenhängen, spinnt unser Verstand daraus eine schlüssige Geschichte, indem er vereinfacht, verdichtet und störende Details unter den Tisch fallen lässt. Wir sind darin so gut, dass wir systematisch unterschätzen, wie viel Zufall und schlichtes Glück im Spiel sind. Wenn Analysten heute erklären, warum ChatGPT den Markt erobern musste oder warum bestimmte AI-Startups scheiterten, klingt das vollkommen logisch, obwohl es vorher fast niemand so gesehen hat.

Nirgendwo zeigt sich dieser blinde Fleck deutlicher als bei AI-Vorhersagen, denn Ray Kurzweil behauptete 2005, Computer würden bis 2029 menschliche Intelligenz erreichen4, Elon Musk verkündete 2024, AI werde schon im folgenden Jahr schlauer sein als jeder einzelne Mensch5, und Dario Amodei gab sich überzeugt, AI würde in drei bis sechs Monaten neunzig Prozent des Codes schreiben6. Diese Vorhersagen sind entweder nicht eingetreten oder bestenfalls umstritten, und trotzdem klicken wir alle auf das nächste Video, als wären die vorherigen Fehlschläge längst vergessen.

“No online database will replace your daily newspaper.”

— Clifford Stoll, Newsweek, 1995. Siebzehn Jahre später stellte Newsweek die Printausgabe ein und ging komplett online.

Das Verrückte daran ist, dass sie tatsächlich vergessen sind78, denn unser Gedächtnis spielt uns einen Streich, den Psychologen als Rückschaufehler bezeichnen. Wenn ein neues Sprachmodell erscheint und man vorher gesagt hat, es werde alles verändern, erinnert man sich später nur an die Teile, die stimmten, während sich die eigene Erinnerung unbewusst an das anpasst, was tatsächlich passiert ist. Es entwickelt sich das Gefühl, es habe so kommen müssen, und am Ende steht die feste Überzeugung, man habe es die ganze Zeit gewusst, sodass man bei der nächsten AI-Vorhersage wieder viel zu zuversichtlich ist.

Das erklärt allerdings nur die Hälfte, denn Ernest Becker hat in “The Denial of Death” einen tieferen Grund beschrieben9. Das Wissen um die eigene Sterblichkeit erzeugt eine existenzielle Angst, mit der wir irgendwie umgehen müssen, und eine der wichtigsten Strategien besteht darin, uns einzureden, wir lebten in einer geordneten Welt, in der die Dinge vorhersehbar ablaufen. Prognosen geben uns das Gefühl von Kontrolle, und das beruhigt, auch wenn diese Kontrolle eine Illusion ist.

Steve Ballmer lacht über das iPhone
Steve Ballmer, 2007: "There's no chance that the iPhone is going to get any significant market share." Inzwischen wurden über eine Milliarde iPhones verkauft.

Die Psychologin Ellen Langer hat dieses Phänomen in einem eleganten Experiment gezeigt10, indem sie Probanden bat, dreißig Münzwürfe vorherzusagen, und das Feedback so manipulierte, dass am Ende jeder exakt die Hälfte richtig geraten hatte, also genau das Ergebnis, das bei purem Zufall zu erwarten wäre. Trotzdem überschätzten Teilnehmer, deren Erfolge zufällig am Anfang lagen, ihre Gesamtleistung deutlich11, und vierzig Prozent glaubten am Ende sogar, sie könnten ihre Trefferquote bei diesem reinen Zufallsspiel durch Übung verbessern.

Hinzu kommt, dass viele Menschen Unsicherheit grundsätzlich schlecht aushalten, nicht weil ihnen der Mut fehlt, sondern weil ihr Nervensystem in unklaren Situationen einen unangenehmen Alarmzustand auslöst12. Wenn dann jemand erzählt, was AI in fünf Jahren verändert haben wird und welche Jobs dann noch existieren, wirkt das beruhigend, auch wenn wir insgeheim ahnen, dass niemand das wirklich wissen kann. Vorhersagen sind deshalb keine intellektuelle Schwäche, sondern erfüllen ein tiefes psychisches Bedürfnis.

Beim Nachdenken darüber ist mir aufgefallen, wie paradox das Ganze eigentlich ist13, denn gerade in Zeiten schneller Veränderung, in denen Vorhersagen unzuverlässiger werden müssten, werden sie besonders beliebt. Als ChatGPT erschien und plötzlich niemand mehr sagen konnte, was in sechs Monaten sein würde, explodierten die Prognosen, und je unsicherer die Lage wurde, desto größer wurde das Bedürfnis nach jemandem, der erklärt, wie es weitergeht.

Vielleicht erklärt das, warum AI-Prognosen so gut funktionieren, nicht weil irgendjemand eine besondere Glaskugel besitzt, sondern weil die Alternative, mit echter Unsicherheit zu leben, schwerer auszuhalten ist als einer Vorhersage zu folgen, die wahrscheinlich ohnehin nicht eintrifft.


  1. Timothy D. Wilson & Daniel T. Gilbert, Affective Forecasting , Harvard University ↩︎

  2. PMC, Superior pattern processing is the essence of the evolved human brain , 2014 ↩︎

  3. Farnam Street, The Narrative Fallacy , aus Nassim Talebs “The Black Swan” ↩︎

  4. Ray Kurzweil, The Singularity Is Near , Viking Press, 2005 ↩︎

  5. Elon Musk, X-Post , März 2024 ↩︎

  6. Dario Amodei, CEO Speaker Series , Council on Foreign Relations, März 2025 ↩︎

  7. The Decision Lab, Hindsight Bias  ↩︎

  8. Neal J. Roese & Kathleen D. Vohs, Hindsight Bias , Perspectives on Psychological Science, 2012 ↩︎

  9. Wikipedia, Terror Management Theory  ↩︎

  10. The Decision Lab, Illusion of Control  ↩︎

  11. Wharton School, Illusion of Control Research  ↩︎

  12. ScienceDirect, Intolerance of uncertainty: dimensionality and associations , Journal of Anxiety Disorders, 2007 ↩︎

  13. UC Press, The Illusion of Control , Global Perspectives, 2024 ↩︎