Der legale Klon
- Hamburg, Germany
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Eine Million Dollar und zwölf Monate brauchte Compaq 1982, um IBM legal auszutricksen. Heute reicht eine Nacht.
Um zu verstehen, warum das wichtig ist, muss man zurück zu dem Moment, als IBM den PC-Markt kontrollierte. Nicht den ersten PC hatten sie gebaut, aber den, der den Markt definierte. Innerhalb von zwei Jahren kontrollierten sie 76 Prozent des Geschäftskundenmarktes.1 Software wurde für IBM geschrieben. Peripherie wurde für IBM gebaut. Und in jeder IT-Abteilung Amerikas kursierte ein Satz: Niemand wurde je gefeuert, weil er IBM gekauft hatte.
Für jeden anderen Hersteller war das ein Alptraum. Wer Hardware verkaufen wollte, brauchte IBM-Kompatibilität. Und IBM-Kompatibilität hing an einem einzigen Stück Software: dem BIOS.
Das Basic Input/Output System ist die Firmware, die beim Einschalten läuft, bevor das Betriebssystem startet. Jedes Programm, das auf einem IBM-PC lief, erwartete bestimmte BIOS-Funktionen über standardisierte Software-Interrupts. Wer ein anderes BIOS hatte, hatte einen inkompatiblen Computer. Und IBM hatte dieses BIOS urheberrechtlich geschützt.
Kopieren bedeutete Klage. Und IBM klagte. Columbia Data Products, Corona Data Systems, Eagle Computer, Handwell Corporation, alle wurden verklagt oder zur Einigung gezwungen.2 Der Konzern verteidigte sein Monopol mit einer Aggressivität, die selbst für die Achtziger bemerkenswert war. Reagan im Weißen Haus, Kokain in den Chefetagen, und die feste Überzeugung, dass der Markt schon alles regeln würde - auch ohne Anwälte.
Im November 1982 stellte Compaq eine Lösung vor, die eine Million Dollar gekostet hatte und einen Begriff prägte, der heute wieder relevant ist: den Clean Room.3
Zwei Räume, null Kontamination
Compaq stand vor einem Problem, das unlösbar schien. Um einen IBM-kompatiblen Computer zu bauen, brauchten sie ein BIOS, das sich exakt wie das von IBM verhielt. Aber IBMs BIOS war urheberrechtlich geschützt. Kopieren war illegal. Und doch fanden sie einen Weg. IBM konnte am Ende nur zusehen.
Der Trick basiert auf einem Grundprinzip des Urheberrechts. Das Gesetz schützt die konkrete Umsetzung, nicht die Idee dahinter. Einen Roman darf man nicht kopieren, aber die Geschichte dahinter gehört niemandem. Genauso bei Software. Der Code ist geschützt, sein Verhalten nicht.4
Compaq nutzte das mit kalkulierter Präzision. Team Eins zerlegte das IBM-BIOS und dokumentierte ausschließlich, was es tat. Jede Beobachtung landete in einer Spezifikation, Anwälte prüften jeden Satz auf Formulierungen, die zu nah am Original lagen.
Team Zwei saß in einem anderen Gebäudeteil, physisch getrennt und protokolliert überwacht. Diese Entwickler sahen nie eine Zeile IBM-Code. Sie bekamen nur die juristisch geprüften Spezifikationen und schrieben daraus ein BIOS, das identisches Verhalten durch völlig anderen Code erzeugte. Eine seltsame Arbeit: Software nachbauen, die man nicht ansehen darf. Wie ein Porträt malen nach einer Beschreibung, ohne das Gesicht je gesehen zu haben.5
Die Trennung war keine Theatralik, sondern der juristische Kern. Sie dokumentierte gerichtsfest, dass kein Code kopiert wurde. Nur Verhaltensbeschreibungen. Und Verhalten lässt sich nicht schützen.
IBM suchte nach einer Angriffsfläche und fand keine. Compaq hatte nichts kopiert. Sie hatten nur nachgebaut, was die Software tat. Compaq verkaufte im ersten Jahr Rechner für 111 Millionen Dollar und schrieb damit den erfolgreichsten Unternehmensstart der amerikanischen Wirtschaftsgeschichte.6
Vierzig Jahre später, dieselbe Idee
Die Clean-Room-Methode funktionierte, weil Menschen in getrennten Räumen arbeiteten. Aber was, wenn man die Räume nicht mehr braucht? Was, wenn ein LLM beide Teams ersetzen kann, in verschiedenen Kontexten, ohne Erinnerung an den vorherigen?
Geoffrey Huntley, australischer Entwickler, hat genau das gebaut.
Sein RALPH-Loop, den ich in einem früheren Artikel beschrieben habe, ist eine Endlosschleife, die ein LLM immer wieder auf dieselbe Aufgabe ansetzt.7 Der interessante Teil ist nicht der Forward Mode, mit dem die meisten neue Software bauen. Es ist der Reverse Mode.8
Phase Eins studiert Verhalten. Keine Quelltexte, nur Dokumentation, User Guides, API-Referenzen. Daraus entstehen Spezifikationen.
Phase Zwei liest nur diese Spezifikationen und implementiert. Ein frischer Kontext, ein leerer Kopf - genau wie Team Zwei bei Compaq, die Entwickler, die nie eine Zeile Originalcode gesehen hatten.
Huntley nennt das einen “Bitcoin-Mixer für geistiges Eigentum”.9 Bei Bitcoin-Mixern wirft man Coins rein, sie werden mit anderen vermischt, und was rauskommt, lässt sich nicht mehr zum Ursprung zurückverfolgen. Hier funktioniert es ähnlich: Man füttert ein Modell mit Produktdokumentation, generiert Spezifikationen, klont die Funktionalität. Der Output ist funktional identisch, aber der Code ist neu. Er betreibt vier solcher Agenten, die Software klonen, während er schläft. HashiCorp Nomad, Tailscale, Infisical, alles Produkte mit Enterprise-Features hinter Bezahlschranken.10
Was passiert, wenn die besten Engineers ein Unternehmen verlassen und diese Technik nutzen? Tailscale hat 130 Millionen Dollar eingesammelt. Was ist diese Bewertung wert, wenn ein Konkurrent mit radikal niedrigeren Kosten in den Markt eintreten kann?
Das Urheberrecht schützt Code, nicht Verhalten. Diese Lücke hat IBM nicht schließen können. 1982 brauchte Compaq eine Million Dollar, zwei getrennte Teams und ein Jahr, um sie zu nutzen. 2026 braucht es einen Laptop, eine API-Subscription und eine Nacht. Ich habe es ausprobiert. Es funktioniert.
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NTARI, How Clean Room Reverse Engineering Built the Modern Tech Industry , 2023 ↩︎
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Wikipedia, IBM PC compatible ↩︎
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All About Circuits, How Compaq’s Clone Computers Skirted IBM’s Patents , 2023 ↩︎
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Diese Unterscheidung zwischen Ausdruck und Idee ist international verankert: In den USA durch Präzedenzfälle wie Sega v. Accolade und Sony v. Connectix (1999) . In Deutschland durch § 69a Abs. 2 UrhG . In der EU durch Richtlinie 2009/24/EG, Art. 1 . ↩︎
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Die Clean-Room-Methode wurde erstmals im Fall NEC v. Intel von einem US-Gericht anerkannt. ↩︎
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Tom’s Hardware, This week in 1982, Compaq announced the first true IBM PC clone , 2024 ↩︎
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HumanLayer Blog, A Brief History of Ralph , 2026 ↩︎
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Geoffrey Huntley, Ralph Wiggum as a “software engineer” ↩︎
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Geoffrey Huntley, The Six-Month Recap , 2025 ↩︎
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Geoffrey Huntley, The Six-Month Recap , 2025 ↩︎